Gut zwanzig Besucher sind ins Hamburger „Centrosociale“ an der Sternschanze gekommen. Es ist der letzte Freitag im Mai, auf dem Programm stehen Geschichten. Gastgeber Henry Holland ist in England geboren und in Schottland aufgewachsen. Er kennt diese Art von Geschichten-Erzähler-Treffen aus seiner Heimatstadt Edinburgh. Mehrere Besucher werden an diesem Abend selber die Bühne betreten und eine Geschichte erzählen.
The Story Boat bietet eine Bühne für Geschichten
Henry Holland begrüßt jeden Besucher persönlich. Der quirlige Schotte ist Mitte dreißig und veranstaltet das Treffen jetzt zum vierten Mal. Auf der kleinen Bühne des Centrosociale stehen vereinzelt Kerzen, davor ein Stuhl und ein kleiner runder Tisch mit einer Blume. Holland nimmt auf dem Stuhl Platz.
Er erzählt eine Geschichte von einem schweigsamen Mann, der es aber doch schafft, genug zu reden, um eine Frau kennenzulernen. Ob sich die Geschichte tatsächlich so zugetragen hat, bleibt offen. Aber genau das ist wohl auch das Rätsel, das diese Geschichte aufgibt. Mit seinem schottischen Humor hat der Gastgeber das Eis jetzt gebrochen. Als nächster setzt sich ein Engländer auf den Erzähler-Stuhl. Es wird eine lockere Plauderei und die Zuhörer erfahren von Aschenbechern, groß wie ein Goldfischglas und anderen Anekdoten.
Die Atmosphäre ist angenehm familiär. Wohl aus diesem Grund erzählen später auch Besucher, die das eigentlich gar nicht geplant hatten, eine Geschichte aus ihrem Leben. Eine Mutter erzählt vom Einkaufen mit ihrer zweijährigen Tochter. Eine Englisch-Lehrerin berichtet Spannendes aus ihrem Leben in London und der dortigen Wohnungssituation vor gut 30 Jahren.
In Schottland haben Erzähler Tradition
Henry Holland stammt aus dem schottischen Edinburgh. Er arbeitet in Hamburg als Englischlehrer. Die Idee zu „The Story Boat“ kam ihm in seiner Heimatstadt. Er berichtet von Pubs, in denen sich die Menschen treffen, um Geschichten zu erzählen.
„Das Story Boat lebt vom dem, was die Leute mitbringen. Auf ähnliche Weise wie das Netzwerk der heute in Schottland bestehenden Erzähler-Clubs.“ Dabei gehe es nicht um einen Englisch-Wettbewerb oder darum, keine Sprachfehler zu machen. Es gehe darum, jeden Beitrag als das zu würdigen, was er ist. Eine erzählte Geschichte.
„The Story Boat“ soll auch einen Beitrag zur Integration der englischen und anderer Sprachen bieten. Der Abend im Centrosociale entwickelte sich zu einem entspannten Zuhören und ab und an zu einer Plauderei zwischen Geschichten-Erzähler und Publikum. Vor allem ist es eine Insel zum Abschalten, der Möglichkeit, ohne Zeitdruck den Erzählungen zu folgen oder selber zum Erzähler zu werden.
The Story Boat, jeden letzten Freitag im Monat, Centrosociale Hamburg-Sternschanze, Unkostenbeitrag 4 Euro, Veranstaltungsort kann sich ändern.
